Tschernobyl

Ein Reaktor explodiert und verstrahlt weite Teile von Europa. Im Umkreis von 30km werden alle Menschen aus Dörfern und Städten evakuiert und sämtliche Tiere getötet. Die größte Stadt Pripyat hatte ursprünglich 45.000 Einwohner und wurde innerhalb von nur wenigen Stunden geräumt. Seitdem holt sich die Natur das Gelände zurück. Und wie sieht diese Geisterstadt nach fast 30 Jahren aus? Seht selbst…

Eingang zur Sperrzone von Pripyat. Nur mit einem speziellem Permit kommt man hier rein.

Eingang zur Sperrzone von Pripyat. Nur mit einem speziellem Permit kommt man hier rein.

Es ist schon ein mulmiges Gefühl nach Tschernobyl zu reisen. Und für schwache Nerven ist das wohl auch nichts. Wer sich aber für die Geschichte interessiert, die nach Fukushima und dem baldigen Atomstromausstieg in Deutschland mehr als aktuell ist, ist hier genau richtig. Es bietet sich vor allem ein tiefer Blick in die Sowjetunion, deren Staatssystem und Selbstverständnis an.

Gedenkstätte für die evakuierten Orte. Jedes Schild steht für einen Ort.

Gedenkstätte für die evakuierten Orte. Jedes Schild steht für einen Ort.

Unsere Pässe wurden an einem Checkpoint geprüft, denn jeder aus unserer Gruppe hat im Voraus ein Permit beantragen müssen. Nachdem alle Formalitäten geklärt waren, fuhren wir zuerst zu einer Gedenkstelle. Jedes Schild steht für eine Ortschaft, die aufgegeben werden musste. Es ist bedrückend. Immer dabei ist natürlich der Geigerzähler, der die aktuelle Strahlung angibt. An dieser Stelle ist die Dosis so hoch wie in München. Nicht wirklich etwas Bedrohliches. Weiter geht es über alte Straßen, die völlig zugewuchert sind an alten zerfallenen Häusern vorbei. Allerdings sind ein paar sogar bewohnt. Im Zuge des Wiederansiedlungsplans durften Rentner legal wieder zurück in ihre Häuser. Sehr beliebt sind diese Menschen vor allem für die Forschung, da sich ihre Körper an die Strahlung gewöhnt haben. Sie leben sogar u.a. von selbstangebautem Gemüse.

Verlassenes Haus in der Zone. Manche davon sind in besserem Zustand - und immer noch bewohnt.

Verlassenes Haus in der Zone. Manche davon sind in besserem Zustand – und immer noch bewohnt.

 

Die erste Stelle an der es richtig etwas zu sehen gab ist ein Kindergarten in Reaktornähe. Der Ort könnte locker aus einem Gruselfilm sein. Hier ist vieles noch vorhanden: Betten, Puppen, Bücher, Verwaltungsunterlagen, etc. Einfach alles. Es sieht schaurig aus, ist aber der Inbegriff des Friedlichen. Man hört außer der Natur und den eigenen Schritten: Nichts. Rein gar nichts. Bilder von Puppen, die zerbrochen herumliegen wirken viel härter, als sie sind. Denn diese Bilder werden von unseren Medien als Symbolbilder für Gewalt gegen Kinder eingesetzt, was ja hier nicht der Fall war.

Ein ehemaliger Kindergarten.

Ein ehemaliger Kindergarten.

 

Ob Spielzeug, Bettwäsche oder auch Papiere sind immer noch vorhanden.

Ob Spielzeug, Bettwäsche oder auch Papiere sind immer noch vorhanden.

Einen kurzen weiteren Stopp legten wir am künstlichen Fluss in der Nähe des Reaktors ein. Dieser Fluss ist hoch radioaktiv verseucht und bietet eine kleine Attraktion: Die sogenannte Fischkatze. Eine Mutation, die ein Fisch ist mit dem Gesicht einer Katze. Es gibt in der Sperrzone sehr viele dieser Mutationen, die aufgrund der Radioaktivität entstanden.

 

Kurz später standen wir dann vor Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Es ist dieses Bild, das jeder kennt. Der typische Pfosten, der nach oben ragt, der rostige sogenannte “Sarkophag” und die Absperrungen sind unverkennbar. Deutlich sichtbar sind die Schäden am “Sarkophag”. Die Schäden werden immer größer. Eine Reparatur ist aufgrund der hohen Strahlung unmöglich. Hunderttausende bauten das Gebilde damals ohne Wissen darüber, welchen Gefahren sie ausgesetzt  waren. Viele wurden sogar gezwungen. Als man merkte, dass sich der radioaktive Klumpen durch den Untergrund fraß, setzte man Minenarbeiter ein, grub einen Tunnel und hob einen großen Raum unter dem Reaktor aus. Diesen füllte man mit  einer Mischung aus Sand, Graphit u.v.m. und stoppte damit eine noch schlimmere Katastrophe. Neben dem Reaktor wird der neue Sarkophag für Milliardensummen gebaut. Er wird dann auf Schienen direkt über den alten Reaktor gefahren. 12 Minuten durften wir an diesem Ort verweilen, denn die Messgeräte schlugen ab vier Mikrosievert/Stunde Alarm. Hier waren es 17. Das Piepsen bedeutet nur eins: Renn!

Unverkennbar. Block 4 des Atomkraftwerks.

Unverkennbar. Block 4 des Atomkraftwerks.

 

Deutlich sieht man den alten Sarkophag rosten.

Deutlich sieht man den alten Sarkophag rosten.

Gleich nebenan: Der neue Sarkophag, der mit EU Hilfe gebaut wird. Auf Schiene wird das Gebilde später über den Reaktor gefahren und versiegelt.

Gleich nebenan: Der neue Sarkophag, der mit EU Hilfe gebaut wird. Auf Schiene wird das Gebilde später über den Reaktor gefahren und versiegelt.

In Pripyat waren wir am längsten. Die Strahlung ist auf einem Normalniveau, dennoch sind Böden, Einrichtungen etc. schwer verstrahlt, sodass die Stadt unbewohnbar ist. 45.000 Einwohner lebten hier einst in einer Stadt, die für sowjetische Verhältnisse viel zu bieten hatte. Junge Ingenieure sollten mit allen Annehmlichkeiten angelockt werden. Es gab Schwimmbäder, Turnhallen, Supermärkte ohne die zu dieser Zeit üblichen Mengen-Beschränkungen, einen Freizeitpark, Sport- und Ausgeheinrichtungen. All das kann man heute noch sehen. Es ist zerfallen, mit Bäumen und Pflanzen überwuchert  und unglaublich ruhig. Keine Autos, keine Hintergrundrauschen einer Stadt.

Ein Freizeitkomplex steht leer. Hier gab es Schwimmbäder, Kinos, Turnhallen und vieles mehr.

Ein Freizeitkomplex steht leer. Hier gab es Schwimmbäder, Kinos, Turnhallen und vieles mehr.

 

Innenansicht der Turnhalle.

Innenansicht der Turnhalle.

Das Schwimmbad von Pripyat.

Das Schwimmbad von Pripyat.

Die Aula einer Schule.

Die Aula einer Schule.

Ein Klassenzimmer mit Heften und Büchern.

Ein Klassenzimmer mit Heften und Büchern.

Auf den Tischen liegen nicht nur Bücher. Auch Gasmasken sind zahlreich vorhanden. Die Masken waren für den Notfall gedacht - wenn der Feind kommt. An Radioaktivität als Feind hat niemand gedacht.

Auf den Tischen liegen nicht nur Bücher. Auch Gasmasken sind zahlreich vorhanden. Die Masken waren für den Notfall gedacht – wenn der Feind kommt. An Radioaktivität als Feind hat niemand gedacht.

Ganz am Ende sind wir noch in ein 16 stöckiges Wohnhaus gegangen und blickten vom Dach auf die Sperrzone. Was für ein Ausblick!

Blick von einem 16-stöckigem Gebäude auf Pripyat. Im Hintergrund kann man deutlich den Reaktor und den neuen Sarkophag.

Blick von einem 16-stöckigem Gebäude auf Pripyat. Im Hintergrund kann man deutlich den Reaktor und den neuen Sarkophag.

Abschließend kann man sagen, dass diese Reise eine sehr interessante Bildungsreise ist. Ein Blick in die Sowjetunion verbunden mit einem Einblick in die möglichen Folgen von Atomkraft. Sehr empfehlenswert.

One thought on “Tschernobyl

  1. […] Ein Reaktor explodiert und verstrahlt weite Teile von Europa. Im Umkreis von 30km werden alle Menschen aus Dörfern und Städten evakuiert und sämtliche Tiere getötet. Die größte Stadt Pripyat hatte ursprünglich 45.000 Einwohner und wurde innerhalb von nur wenigen Stunden geräumt. Seitdem holt sich die Natur das Gelände zurück. Und wie sieht diese Geisterstadt nach fast 30 Jahren aus? Seht selbst… […]

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