Kiew


In die Ukraine? Jetzt? In Kiew ist es tatsächlich erstaunlich ruhig. Unser Bild von der Ukraine wandelte sich stark nach dieser Reise. Wir erlebten gastfreundliche Menschen, Sowjetarchitektur, eine pulsierende Großstadt, Museen, die auf dem Stand von 2014 sind, Kirchen und Klöster und eine Kultur, die unserer sehr ähnlich ist. Ein Einblick in ein Land, das mitten in der Krise steckt…

Am frühen Abend landeten wir auf dem internationalen Flughafen nahe Kiew. Der Direktflug war sehr angenehm und wir konnten schon im Flugzeug ein paar Leute kennenlernen aus Luhansk, die im Moment in Kiew wohnen. Was die Menschen erzählten, bestätigte viele Medienberichte. Die Stadt ist verwaist und die Einwohner sind vor dem Krieg geflohen. Nur die wenigsten, die die Separatisten unterstützen sind geblieben. Woher die Separatisten kommen, darüber waren sich alle einig: Russland.

Die Fahrt mit dem Bus dauerte ca. eine Stunde bis zum Hauptbahnhof und bestätigt vor allem, dass die Stadt für Autos gebaut ist. Im Dunkeln sieht der Bahnhof besonders schön aus. Ein monumentaler Bau mit Stuck und modernen Anzeigetafeln. Gegen den Hunger half ein Dürüm am Bahnhofsvorplatz für gerade mal 20 UAH (ca. 1,20 Euro). Von solchen Preisen können wir nur träumen! Weiter ging es mit der U-Bahn (Fahrt für 12 Cent!) nach Olympiiski, wo wir trotz intensiver Suche das Hotel nicht fanden. Grund: Es war derart versteckt – ohne Schild und Hausnummer. Ein Ukrainer half uns, bis wir drin waren und vertröstete dafür sogar seine Freundin am Telefon. Wir sollten merken, dass eine solche Hilfsbereitschaft keine Seltenheit in Kiew ist.

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Der Maidan Platz.

 

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Maidan Platz in die andere Richtung. Ein beliebter Treffpunkt.

 

Am nächsten Tag starteten wir gleich den ersten Rundgang durch die Stadt. Erste Anlaufstelle ist dabei natürlich der berühmte Maidan Platz, wo noch dieses Jahr zehntausende Menschen für die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU und gegen den Präsidenten Janukowytsch protestierten. Ein beeindruckender Platz mit einigen Denkmälern für die getöteten Demonstranten. Von dort aus fuhren wir weiter bis zum Tschernobyl Museum, welches kurioserweise jeden letzten Montag im Monat geschlossen hat und wir landeten natürlich einen Volltreffer. Trotzdem war der naheliegende Markt sehr schön und ein idealer Ausgangspunkt für die Besichtigung der Altstadt.

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Was die Menschen über Putin denken ist auf keinem Markt zu übersehen.

 

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Altstadt in Kiew. Die gesamte Stadt ist auf den Autoverkehr ausgelegt.

 

 

Wir wanderten den Berg hoch bis zum wunderschönen Andreas Kloster von wo aus man auch einen guten Blick über die Stadt hat. Das naheliegende Nationalmuseum ist sehr aktuell, sodass selbst die Maidan Proteste mit einbezogen sind. Der Besuch lohnt sich auf alle Fälle. Gleich danach folgt das Außenministerium und spätestens da hat man keine Zweifel mehr, wohin das Land will. Neben der ukrainischen Flagge hängt eine ebenso überdimensionierte Flagge der EU. Ein deutliches Zeichen an so einem Gebäude. Neben dem Ministerium findet sich eine kleinere Kirche mit einer Ausstellung über die Maidan Bewegung. Und die Fotos schonen den Betrachter nicht. Es wird die volksfestähnliche Stimmung zu Beginn genauso gezeigt wie die toten Jugendlichen. Überall in der Stadt wird diese Geschichte nun schonungslos aufgearbeitet.
Unser nächster Halt ist die Sophienkathedrale, welche mit einem Kirchturm glänzt, von dem man aus die Stadt gut von oben sieht. Auch das Innere ist wunderschön. Leider darf man hier nicht fotografieren, was durch zahlreiche Ordner hinter jeder Säule sichergestellt wird. Aber es gibt natürlich tote Winkel. 😉

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Das Andreas Kloster thront über der Stadt.

 

 

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Streben in die EU. Ein deutliches Signal am Außenministerium.

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Eine Ausstellung über die Maidan Proteste. Selbst Kinder waren dabei und waren sogar unter den Opfern, als die Staatsmacht zuschlug.

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Das legendäre Sophienkloster ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten in Kiew.

 

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Seltenes Innenfoto des Klosters.

Zurück am Maidan sahen wir uns die Gedenkstellen und die Ausstellungen an, die seit Beendigung der Proteste hier ihren Platz gefunden haben. Es war ein beklemmendes Gefühl. Erst die Gegenstände, mit denen sich die Demonstranten vor der Staatsmacht geschützt haben, dann die Reihe an Gedenksteinen, die für je einen Toten stehen und zum Schluss die Ausstellung über Beweise, dass das russische Militär im Südosten des Landes aktiv ist. Es ist ein Ausdruck dessen, was die Menschen dort fühlen. Manche legen Blumen hin, manche lesen sich die Tafeln durch und nicken zustimmend, andere wiederum gehen einfach vorbei. So ist die schöne Atmosphäre des Platzes selbst im Sonnenuntergang durchbrochen von dem Wissen, was sich hier erst vor wenigen Monaten abspielte.

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Zum Gedenken an die Opfer der Maidan-Revolution. Mit diesen selbstgebauten Utensilien versuchten sich die Menschen vor den Geschossen der Polizei zu schützen.

 

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Gedenksteine neben dem Maidan. Jede Flagge steht hier für ein Opfer. Die rote Farbe soll Blut symbolisieren.

 

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In einer Ausstellung auf dem Maidan wird die Geschichte nun aufgearbeitet.

 

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Der Maidan Platz im Lichte des Sonnenuntergangs.

 

Der Tag war anstrengend und wir fielen im Hostel geradezu ins Bett und am nächsten Tag hatten wir ja auch nicht gerade wenig vor.

Am nächsten Morgen standen wir wie für typische Deutsche angemessen pünktlich vor dem Museum und waren die ersten in der Ausstellung. Das Museum ist klasse. Zwar sind sämtliche Ausstellungsstücke kyrillisch beschriftet, es gibt aber Audio Guides, die sämtliche Vorgänge in Tschernobyl erklären. Wie konnte es passieren? Was geschah mit den Menschen der umliegenden Dörfer? Wie wurde der Unfall vertuscht? Minutiös ist werden der Unfall, die Auswirkungen und die Gegenmaßnahmen rekonstruiert. Kurzum: Ein Besuch hier dauert, aber es lohnt sich, den Audio Guide bis zum Ende anzuhören.

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Als die Uhren stehen blieben… Tschernobyl Museum.

 

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Ungefähr so sieht die Schutzhülle des Reaktors heute aus. Eine neue ist bereits in Arbeit.

Weiter fuhren wir mit der U-Bahn bis zum “Denkmal des großen patriotischen Krieges 1941-1945” ein größenwahnsinniges Relikt aus Sowjetzeiten. Die naheliegende Lawra ist aber das eigentlich sehenswerte der Gegend. Es ist ein Kloster, das zur Hälfte in Betrieb und zur anderen Hälfte ein Museum ist. Hier kann man die Zeit vergessen und eintauchen in den orthodoxen Glauben. Dazu kann man tief in das enge und verwinkelte Höhlenkloster gehen. Auch der Teil, der heutzutage das Museum darstellt, kann sich sehen lassen. Die Gemäuer sind alt, genauso wie die Wandbemalungen. Endlich durften wir auch mal jede Menge Fotos schießen.

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Blick auf die Lawra. Ein sehr wichtiger Pilgerort in Kiew.

 

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Die Lawra von innen.

 

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Ein Relikt aus der Sowjetzeit: Das Kriegerdenkmal.

 

Zu Fuß liefen wir dann zum Parlament, zum dahinterliegenden Stadion und der “Kussbrücke” an der traditionell viele Schlösser von Pärchen hängen. Erst am Abend waren wir wieder am Maidan, der im Dunkeln nicht minder beeindruckend aussieht.

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Der Maidan Platz bei Nacht. Ein Ort der einlädt zum verweilen und nachdenken.

 

Und auch dieser Tag hatte viel von uns gefordert und wieder waren wir sehr müde. Gelohnt hat es sich trotzdem. Auf dem Rückflug gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Wie wird sich die Ukraine entwickeln? Wird sie es in die EU schaffen? Wird sie die Krise überstehen? Und wie geht es mit Tschernobyl bzw. mit der Atomkraft weiter? Kiew ist kein Urlaub in diesem Sinn, sondern vielmehr eine Bildungsreise. Trotzdem werden uns vor allem die netten und gastfreundlichen Menschen in Erinnerung bleiben.

Epilog: Ein weiteres Highlight konnten wir nicht auslassen: Ein Besuch in der Sperrzone von Tschernobyl. Mit einem speziellen Permit darf man unter Begleitung eines Guides bis an den Reaktor und in die naheliegende Geisterstadt Pripyat. Für diese Tour lohnt sich aber ein extra Bericht, den ihr bald hier finden werdet.

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