Fernwandern – München bis Venedig – Teil 1

Kapitel 1 – München bis Innsbruck

Vor meiner Haustüre schloss ich die Augen und atmete tief durch. Jetzt geht es los. Hunderte Kilometer, tausende Höhenmeter und ein Monat liegen vor mir. Es riecht nach Freiheit, nach Abenteuer, aber auch nach Größenwahn und Ungewissheit. Das Handy so lange es geht ausschalten, auf Hütten schlafen, den eigenen Proviant schleppen und selbst kochen. Das war angesagt. Aber wir wollten wieder mal ein Abenteuer und bekamen es – wieder.

Anmerkung: Meine Kamera musste aus Gewichtsgründen zuhause bleiben. Bis heute ärgere ich mich, keine Kompaktkamera gekauft & mitgenommen zu haben. Die Fotos sind alle mit einem Handy gemacht worden.

Tag 1:

Der erste Abschnitt führte mich zum Marienplatz und diente dazu, mich von der Stadt zu verabschieden. Die nahegelegene Kirche, die Uni und den Odeonsplatz passierte ich. Am Marienplatz traf ich um sieben Uhr Steffi, die mich bis nach Wolfratshausen begleiten wollte. Wir liefen vom Marienplatz bis zum Deutschen Museum und dann nach Süden an der Isar entlang. Während die Stadt immer weniger sichtbarer wurde konnten wir uns ausgiebig unterhalten. Wir hatten ja Zeit. Hin und wieder machten wir eine Trinkpause, denn die Sonne brannte auf uns herunter. Die schweren Wanderschuhe machten es nicht leichter. Unsere große Rast legten wir am Höllriegelskreuth ein. Wir wanderten den Berg hoch zum großen Edeka und versorgten uns mit allem Nötigen. Wieder unten setzten wir uns hin und beobachteten die lustigen Floßführer, die ihre Touristen unterhielten. Der weitere Weg wurde aber immer frustrierender. Wald, Wald, Wald. Man sieht nur noch Bäume. Auch die Isar verschwindet vorerst. Mücken freuten sich über das köstliche durchgeschwitzte Duo und stachen uns eine nach der anderen. Umso froher waren wir, als wir die erste Zivilisation in Form des Kloster Schäfftlarn auftauchte. Und ich muss sagen, dass die kühle Spezi ein Traum war. Nach dieser Stärkung war uns aber klar, dass wir das Tagesetappenziel Wolfratshausen nicht mehr vor Dunkelheit erreichen würden. Trotzdem wollten wir uns unser Abendessen nicht entgehen lassen und wanderten noch bis zum “Gasthaus zum Bruckenfischer” direkt an der Isar. Ein Kind sagte zu seinem Papa: “Schau mal, die gehen wandern!”, woraufhin uns dieser fragte, wo es denn hin gehen solle. “Bis Venedig? Wow. Das ist aber weit.” An der Isar setzten wir uns zwischen die anderen Menschen. Meist junge Leute, die mit dem Bier in der Hand den heißen Sommertag genossen. Wir wurden in diesem Aufzug natürlich gründlich gemustert und man interessierte sich für unsere Kochkünste. Mit einer Pfanne, einem Topf und einem Gaskocher zauberten wir uns Spaghetti Bolognese, die nach der Anstrengung umso besser schmeckten. An dieser Stelle beließen wir es für diesen Tag.

Tag 2:

Ab jetzt sollte mich Barbara begleiten und die Etappe von Wolfratshausen bis Bad Tölz stand heute auf dem Programm. Von Wolfratshausen geht es sehr gemütlich auf einem Seitenweg der Bundesstraße bis nach Geretsried, wo wir uns mit Proviant eindeckten und die Wasserflaschen auffüllten. Drei Liter machten meinen Rucksack natürlich nicht leichter, aber in der sengenden Hitze ist das mehr als nötig. Der Rucksack fühlte sich an diesem zweiten Tag noch schwerer an als gestern. Könnte es sein, dass diese Tour vielleicht doch eine Nummer zu groß ist? Sind die 20 Kilo auf dem Rücken nicht ein bisschen viel? Nein, wir würden das schaffen! Wir wollen ja nicht jetzt schon aufgeben! Über diese Etappe kann man nicht viel sagen, außer: Wald, Wald, Wald. Es dauerte ewig und kein Ende in Sicht. Das Wasser war schon viel zu lange verbraucht, als plötzlich aus dem Nichts ein Kraftwerk in Sichtweite auftauchte. Da muss es doch Wasser geben. Durstig schleppten wir uns bis dahin, aber ein Wasserhahn? Fehlanzeige. Und das Flusswasser konnte man auch nicht trinken. Nur hinter dem Kraftwerk sah ich ein paar Häuser. Vorsichtig klingelte ich und die Türe öffnete sich. Die junge Frau sah mich mitleidsvoll an und sagte: “Du brauchst bestimmt Wasser, oder?” Ich nickte freundlich und erschöpft. Sie füllte selbstlos alle Flaschen auf sagte, das erlebe sie oft. Bis jetzt erlebte ich eine solche Gastlichkeit meistens in fernen Ländern und merkte, wie herzlich auch die Menschen im als angeblich grimmig verschrienen Bayern sind. Wir kochten unser leckeres Abendessen und setzten den Weg bis nach Bad Tölz fort. Wie durch ein Zufall fanden wir ein kleines bezahlbares Zimmer. Ein Blick in die wunderschöne Altstadt musste trotzdem noch sein. Und das Eis hatten wir uns ebenfalls verdient. Nach der ausgiebigen Dusche in unserer Unterkunft fielen wir aber ziemlich schnell ins Bett.

Tag 3:

Der Weg heute war zum Glück angenehmer. Von Bad Tölz bis nach Arzbach ist es nicht so weit. In ca. zwei Stunden geht man den Weg. Danach kommt man vorbei an Bauernhöfen und kleinen Kapellen. In Arzbach sind wir in Richtung der beeindruckenden Benediktenwand gewandert, da wir zur Tutzinger Hütte wollten. Der kleine Ort mit dem einprägsamen Namen “Untermberg” liegt kurz vor dem Zustieg zur Hütte. Wir wanderten vorbei an Almen und Feldern, aber ein Schild in Richtung der Hütte war lange nicht mehr in Sicht. Wir nahmen einen Abzweig bis wir plötzlich vor einem Zaun mit Stacheldraht standen. Ok, hier war nun endgültig Schluss. Barbara konnte nicht mehr und wir schalteten nun doch das Handy ein. Laut GPS müsste hinter diesem Zaun tatsächlich ein Weg weitergehen, aber keine Chance. Wir mussten wieder umdrehen. Ganz unten am Berg und völlig erschöpft wussten wir nun, dass wir über die kleine Brücke hätten gehen müssen. Na gut. Man muss auch mal verlieren können. Zum Trost gab es eine kühle Spezi, die zu meinem Lieblingsgetränk beim Wandern werden sollte. Für Morgen wussten wir ja den Weg und ich hoffte, dass die Schmerzen des Rucksacks endlich aufhören.

Es gibt viele Schmetterlinge, die uns begleieten.

Es gibt viele Schmetterlinge, die uns begleieten.

Tag 4:

Lena, die eigentlich erst in Vorderiss einsteigen wollte, sprang für Barbara ein, die definitiv nicht mehr konnte. Zu geschafft war sie von gestern. Die Etappe war aber auch wirklich hart, vor allem am Ende, als wir uns verliefen. Von Arzbach liefen wir wieder über das altbekannte Untermberg bis zum Einstieg. Von nun an hieß es, das erste Mal richtig Bergsteigen. Die Almen waren aufgeweicht und wir sackten mit jedem Schritt im tiefen Schlamm ein. Ohne die Bergschuhe hätte ich schon längst aufgegeben. Aber irgendwann tauchte sie dann auf: Die Tutzinger Hütte. Die Wirtin hier ist sehr gastfreundlich und nett. Wir kochten unser kleines Menü und hatten am Abend noch jede Menge Zeit. Also unterhielten wir uns auf der Terrasse mit dem unfassbar spektakulären Ausblick auf die hohe Steinwand mit den anderen Bergsteigern. Viele hatten das gleiche Ziel: Venedig. Aber das ist ja noch weit weg von hier. Würden es alle schaffen? Würden wir es schaffen? Nach den letzten Tagen war ich mir nicht mehr so sicher.

Tag 5:

Früher Aufbruch. Nach unserem ausgiebigen Frühstück ging es in Richtung Benediktenwand und auf der anderen Seite runter bis nach Jachenau, wo wir rasteten. Das Wetter war sehr gut, aber wir waren schon spät dran. Also schulterten wir die Rucksäcke und wanderten weiter auf den Rißsattel. Wir schauten nach oben und sahen, dass der ganze Himmel mit schwarzen Wolken bedeckt war. Es ging alles so schnell. Gerade eben brannte uns noch die Sonne auf den Kopf und nun das. Die ersten Tropfen kamen und wir wussten, dass wir nicht viel Zeit hatten. Blitzschnell zogen wir Regenjacken und Regenhosen an und überzogen unsere Rucksäcke mit der Hülle. Kaum waren wir fertig, schüttete es aus allen Rohren. Dann setzte ein Gewitter ein und als ob das noch nicht genug war, prasselte irgendwann auch noch der Hagel auf uns ein. Die Stöcke (wirklich ganz tolle Blitzableiter) ließen wir zurück und rannten. Wir setzten uns unter einen Baum, aber es brachte nicht viel. Der Hagel tat nun sogar unter der Jacke weh. Also hievten wir die Rucksäcke über uns und benutzten sie als Dach bis endlich alles aufhörte. Puh. Meine Güte. Waren wir da vielleicht etwas blauäugig gewesen? Nachdem wir unsere Stöcke wieder geholt hatten, nahm uns ein Förster in seinem Wagen ein Stück mit. Von hier aus konnten wir weiter bis Vorderriss laufen. In unserer Unterkunft einem Gasthof, trockneten wir unsere Sachen.

Teil des Karwendelgebirges.

Teil des Karwendelgebirges.

Tag 6:

Heute stieß planmäßig Stephan zu uns, der mit einem Bus den Ort erreichte. So wie alle Wanderer fuhren wir das Stück nach Hinterriss, um uns die langweilige Landstraße zu sparen. Außerdem ist die Etappe ohnehin anstrengend genug. Wir waren nun tatsächlich in den Alpen und ganz nebenbei realisierten wir es kaum: Wir waren nun auch in Österreich. Ein ganz schön weiter Weg hier her. Aber schön. In Hinterriss ging es über verschlungene Wege über Wiesen und Almen, mit traumhaften Aussichten direkt zur Karwendelhütte. Auch hier sind die Szenerien wie im Bilderbuch. Die Hütte selbst bietet einen phantastischen Blick und ist gewaltig groß. Weit über 100 Personen haben hier Platz und das bei allem Komfort. Warme Duschen, ein deftiges Abendessen und kalte Getränke werden hier oben serviert. Nicht wirklich das, was wir uns eigentlich wünschten. Draußen setzte wieder der heftige Hagel ein. Anstatt aber drinnen ein Essen aus der Küche zu bestellen, kochten wir selbst unsere Gnocchi vor der Hütte in einer kleinen Nische. Dafür ernteten wir natürlich entsprechende Blicke, aber wir wollten es doch ein bisschen abenteuerlicher und vor allem auch günstiger. Für eine einfache Platte mit zwei Scheiben Brot und ein bisschen Wurst, die gerade zum Belegen reicht, zahlt man immerhin über sieben Euro.

Der Aufstieg zur Karwendelhütte.

Der Aufstieg zur Karwendelhütte.

Das Karwendelgebirge ist voll mit Wiesen und mit tollen Ausblicken.

Das Karwendelgebirge ist voll mit Wiesen und mit tollen Ausblicken.

Tag 7:

Es ging weiter über einen kleinen Klettersteig oberhalb der Hütte über einen Gletscher. Wir hatten ja viel erwartet, aber bestimmt keinen Gletscher. Es war doch so heiß – und somit hatten wir T-Shirts an, während wir über den Gletscher stapften. Eine skurrile Situation. Auf der Scharte neben der Birkkarspitze war es dann schon deutlich kälter, aber wir waren froh, mit den schweren Rucksäcken den Aufstieg geschafft zu haben. Danach ging es nur bergab. Eine Kette führt an einigen Stellen die Wanderer talabwärts. Das kostete für uns erheblich Zeit, vor allem, da Stephan nicht mehr konnte. Gleichzeitig schlug das Wetter mal wieder um. Ist das eigentlich normal hier? Kommt das wirklich jeden Abend? Das Tal ist ein Naturschutzgebiet. Wohnen darf hier niemand außer ein paar Einheimischen und die nur im Sommer. Eine dieser Familien trafen wir unterwegs beim wandern und sie bemerkten unsere Situation und wir wurden eingeladen, dort zu übernachten, falls wir nicht weiterkommen würden. Und genau das war der Fall. Kaum im Tal angekommen, schüttete und donnerte es wieder aus allen Rohren. An das weitere Aufsteigen war nicht zu denken. Die Jacken hielten zwar gut stand, aber die Trageriemen der Rucksäcke waren nass und wir ganz schön durchgefroren. Andere Wanderer zelteten aus purer Not und wir gingen zum Haus der Familie, die uns sofort hineinließen. Sie hatten ein modernes Haus und unter dem Dach eine ganze Wohnung, die sie eh nicht nutzten. Da  war ein absoluter Glücksfall für uns. Wir hatten ein Bad mit warmem Wasser, eine Waschgelegenheit, Betten und eine Küche. Das war definitiv ein Traum. Wir fühlten uns wie im Paradies und bedankten uns mit einer Gegeneinladung nach München. Es gibt so herzliche Leute, wie ich immer wieder auf den Reisen feststellen muss. Einfach toll!

Mühsamer Aufstieg zur Birkkarspitze. Unten sind andere Wanderer zu sehen.

Mühsamer Aufstieg zur Birkkarspitze. Unten sind andere Wanderer zu sehen.

Aufstieg kurz vor der Bettelwurfhütte.

Aufstieg kurz vor der Bettelwurfhütte.

Tag 8:

Gestärkt und zutiefst dankbar starten wir unsere heutige Tour bis zum Hallerangerhaus, welches wir eigentlich gestern erreichen wollten. Aber hier hatten wir nun genug Zeit um weiterzulaufen, sodass wir unser Ziel auf die Bettelwurfhütte ausdehnten. Die Hütte ist phantastisch, alleine schon wegen des Ausblicks, aber der Hüttenwirt will möglichst viel Geld verdienen. Und das merkt man. Auf das Konsumieren ist wohl jeder Hüttenwirt in der Gegend aus. Selbstversorger werden in den Alpen im Vergleich zu früher leider nicht mehr gerne gesehen. Die Berge sollen touristisch werden und Selbstversorgerhütten werden rar. Wir bestellten also den obligatorischen Tee und alle waren zufrieden. Als ich noch mal rausgehen und frische Luft schnappen wollte, sah ich einen atemberaubenden Blick über Innsbruck. Wir waren so dicht an einem Etappenziel – unglaublich. Diese Blicke entschädigen alle Anstrengungen. Ich holte die anderen und wir blickten noch ziemlich lange auf die Millionen kleinen Lichter von Innsbruck.

One thought on “Fernwandern – München bis Venedig – Teil 1

  1. Ahhhh, da kommen Erinnerungen hoch 😀 Das einzige, was mir fehlt, ist die Erwähnung der 85 Millionen Grad, die sowohl die ersten als auch die letzten Tage der Tour geherrscht haben 🙂

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