Taizé

Taizé

Eine Reise nach Innen und ein Bericht über ein völlig unterschätztes Reiseziel.

Innenansicht der Kirche in Taizé

Innenansicht der Kirche in Taizé

Für jemanden, der noch nie in Taizé war, wie mich, klang es etwas absurd. Ich fuhr auch nicht auf eigene Initiative mit, sondern wurde von einer Freundin überredet. Zwar war ich mir relativ sicher, dass es mir dort gefallen würde, sonst hätte ich mich nicht angeschlossen, aber ein Rest Unbehagen blieb. Taizé – ein Kloster in Frankreich mitten im Nichts, in dem man seine innere Ruhe finden, nachdenken kann und jede Menge Spaß hat. Auf Nachfrage erhielt ich nicht besonders viele Antworten. Die meisten lauteten: “Lass dich einfach drauf ein.” bzw. “Das kann man nicht so einfach beschreiben.” Auf der Suche nach mehr Informationen stieß ich eher auf Widersprüche. Stille finden inmitten von mehr als tausend Jugendlichen? Spaß haben in einem strengen Kloster?

Die einzigen Tätigkeiten: Beten, Arbeiten oder Schlafen. Klingt nicht gerade nach Abenteuerreisen, die ich bisher immer machte. Zweimal an einen Ort fahre ich selten und noch weniger oft verweile ich an einem Ort so “lange”. Zweifel machten sich in mir breit.

Ende August ging es dann los. Ich bestieg den Bus, von denen ich die Hälfte zumindest bei einem Vortreffen kennenlernen durfte. Die andere Hälfte: Eine Ministrantengruppe, die größtenteils ca. ein Jahrzehnt jünger waren als ich. Die Gruppe war mir schnell sympathisch. Gemeinsames Singen, Speeddating während der Fahrt zum Kennenlernen und unterhaltsame Gespräche. Entsprechend schnell ging die stundenlange Fahrt vorbei.

Taizé

Taizé

Taizé: Auf den ersten Blick eine Idylle, lediglich unterbrochen durch den durchbrausenden TGV – alle 20 Minuten. Ansonsten eine klitzekleine Kirche, wenige Häuser, von denen die meisten zur Communité gehören und ein paar Bauernhöfe, die irgendwie verlassen wirkten und natürlich die Klosteranlage.

Bei der Ankunft bekamen wir gleich eine Einweisung in den Tagesablauf und gingen sofort im Anschluss zum Gottesdienst. Der Logik nach wollte ich allerdings erst mal mein Zelt aufbauen, solange es noch hell war und nicht in der Dunkelheit. Grummelnd aß ich danach das Abendessen und wir bauten in der Nacht unser Zelt auf.

Erst am nächsten Morgen besserte sich meine Stimmung. Wir wurden zum sogenannten “Point 5” geordert, Treffpunkt für die Arbeit. Jeder muss hier mit anpacken und dazu gehört auch putzen. Aber Taizé wäre nicht Taizé wenn nicht selbst das einfache Putzen zum reinsten Event stilisiert wird. Gemeinsam mit ca. 50 anderen sagen wir in Anlehnung an einen bekannten Queens-Song “We will, we will clean it.” In Gruppen eingeteilt, ergaben sich schon hier die ersten interessanten Gespräche – während wir Duschen und Toiletten auf Vordermann brachten – versteht sich.

Mein Job für die Woche stellte sich dann schnell raus. Ich war im Silence Team eingeteilt und musste in der Kirche während dem Abendgebet mit Hilfe eines simplen Schildes “Silence” für Ruhe sorgen. Ich grinste innerlich. Ich? Für Ruhe sorgen? Der, der als künftiger Lehrer und Ex-Vertriebler Vorbelastete, mehr Worte täglich von sich gibt, als es jede Statistik erlaubt? Na das nenne ich göttliche Fügung, aber ich ließ mich einfach darauf ein, so wie auf alles hier. Der Job war tatsächlich später immer mehr. Nach dem Abendgottesdienst sollte ich immer noch ein bisschen bleiben und die Leute freundlich bitten, sich nicht in der Kirche auf den Rücken legen, da dies gegen die Höflichkeiten in Taizé spricht. Von schwieriger Arbeit kann aber keine Rede sein.

Der Tagesablauf ist mit Variationen und abhängig von der Art der Arbeit im Prinzip immer gleich: Morgens Gottesdienst, im Anschluss daran Frühstück, danach Bibeleinführung. Daraufhin gegen Mittag – richtig: Gottesdienst. Dann wieder Essen. Nach dem Essen gab es die Gesprächsgruppe und im Anschluss daran Tee und Kekse als Snack. Es folgte ein kurzer Slot Freizeit und der Tag war fast vorbei. Natürlich gab es dann erneut Essen und nach dem Essen wurde dann – welch Überraschung – wieder gebetet. Später kann man noch kurz ins “Ojak” vorbeischauen, dem abendlichen Treffpunkt bis 23:30 Uhr mit jeder Menge Spielen und fast schon Partystimmung. Dann gehen die Lichter aus und die strickte Nachtruhe wird vom Team “Night Welcome” (ein Euphemismus für die Nachtwache) mit dem freundlichen Satz “I would like to invite you, to go to Bed now” eingeläutet. Freundlich – und an sich eine merkenswerte Zweideutigkeit! 😉

Am ersten Tag war alles noch gewöhnungsbedürftig, der zweite war da aufgrund der Gesprächsgruppen schon deutlich besser. Schon als wir uns vorstellten wurde es interessant. Eine Gruppe aus sechs weiteren Personen. Der Erste: Ein Neuanfänger. Haus gekauft, will es auf eigene Faust renovieren. Der Zweite: Ein Sinnsuchender: Scheidung, dann Jobverlust, hatte ein heftiges Leben hinter sich und startet nun komplett neu. Die Dritte: Musste ihren Glauben unter Repressalien an geheimen Orten in Albanien “leben”. Der Vierte: Ein Aussteiger: Mit einem Rucksack und wenigen persönlichen Dingen startet er eine Weltreise – in Taizé. Der Fünfte im Bunde: Ein (fast) Priester, der seine Ausbildung um ein Jahr unterbrach, weil er sich verliebte. Nun steht er kurz vor seiner Weihe. Und schliesslich noch ein polnischer Teilnehmer, der Deutsch sprach, ich aber dennoch hin und wieder übersetzte. Die Gruppe war mehr als interessant und nach einem langsamen, leicht holprigen Start liefen die Diskussionen wie von selbst und landeten nach Bearbeitung des eigentlichen Themas grundsätzlich ganz wo anders. Die Zeit überschritten wir immer schon aus schierem Interesse. Das Thema wurde in der Bibeleinführung festgesetzt. Hier wird aber nicht in die Bibel eingeführt, so wie ich mir es vorgestellt hatte, sondern in ein völlig weltliches Thema mit Hilfe der Bibel. Die Gespräche waren einfach toll! Was für eine Gruppe!

Die Gebete sind der zentrale Bestandteil in Taizé. Das ganze Leben in dem Ort richtet sich danach und währenddessen steht das Leben in dem beschaulichen Ort still. Bis man sich richtig darauf einstellen kann vergehen ein paar Tage. Bei mir war es nach dem dritten Tag soweit. Um einfach mal vom ganzen Trubel abschalten zu können, kam ich eine Stunde zu früh zum Mittagsgebet und setzte mich direkt vorne zu den Brüdern. Ohne zu realisieren, dass sich die Kirche hinter mir mit weit über 1000 Menschen füllte, verweilte ich bis es abrupt mit dem Lied “Bless the Lord my Soul” losging. Die Solostimme dabei von Frère Jean-Marie garantierte dabei die passende Gänsehaut. Gesungen wird generell sehr viel. Meist sind es Einzeiler, die Mantra-artig wiedergegeben werden mit parallelen Solostimmen. Fröhlich klingt das und von trister Kirchenstimmung fehlt jede Spur, dafür sorgt schon der Teppichboden, auf dem man in der Kirche sitzt. Mittendrin: Die sehr beindruckende sogenannte Stille. Einfach Nichts. 10 Minuten lang – Nichts. Mehr als tausend Menschen sitzen in einem Raum und es ist still wie in einem einsamen Waldstück.

Das Essen hat ebenfalls eine interessante Eigenart, denn es besteht aus zumeist aus Fertigprodukten bzw. Pulver in rauen Mengen. Zum Frühstück gibt es sogar zwei Stücke Schokolade, eine Semmel, ein Stück Butter und Tee. Dabei sucht man Besteck und einen Teller vergebens. Einfach aber sättigend ist das Prinzip. Eine weitere Funktion wird ganz nebenbei damit erfüllt. Denn eine Woche in Taizé ist auch die Abkehr vom Überflüssigen und die Besinnung auf das Essentielle und Wesentliche.

Absolutes Highlight jeder Woche in Taizé ist aber die Nacht der Lichter. Ein scheinbar völlig normaler Abendgottesdienst wird mit einfachsten Mitteln zu einer unglaublich wirkungsvollen Zeremonie inszeniert. Die gesamte Kirche erstrahlt im Licht von eintausend Kerzen, von denen jeder Besucher eine in der Hand hält. Gänsehaut selbstredend inklusive. Es ist eine der stark bleibenden Erinnerungen, die im Kopf bleiben und ein gelungener Abschluss der Woche in Taizé.

Nacht der Lichter - Taizé

Nacht der Lichter – Taizé

2 thoughts on “Taizé

  1. Wow, schöner Bericht und tolle Fotos!
    Über die “Silence”-Aufgabe, die ausgerechnet du als Vielredner abgekriegt hast, musste ich ziemlich schmunzeln, weil sie mich an Kelly aus Kalifornien (in diesem Fall ein Mann) erinnert hat – eine meiner Reisebekanntschaften in Südostasien. Ungefähr 60, Rentner, nach einer schweren Krankheit dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen, voll unfassbarer Lebensfreude und witziger Anekdoten und auf Weltreise bis 2017. Unsere Bekanntschaft begann damit, dass ich mich im Bus neben ihn setzte und er sofort ohne Punkt und Komma von seinen bisherigen Reisen und überhaupt seinem ganzen bisherigen Leben erzählte – vor allem von seinem soeben absolvierten zweiwöchigen “Silent Retreat” im Kloster. Du machst dir keine Vorstellung, wie sehr er davon geschwärmt hat. Rund eine Stunde lang, ohne einmal Luft zu holen. Ich konnte mir nur mit Mühe das Lachen verbeißen 🙂 Solche Leute lernt man nur auf Individualreisen kennen, und sie sind alle Strapazen wert!

    • Die Story ist ja mal witzig! Da hätte ich auch geschmunzelt. Ja, genau solche Erlebnisse zeichnen Individualreisen aus! 😉 Bei der Nacht der Lichter hatten wir alle aus der Gruppe Gänsehaut und eine aus meiner Gruppe kam zu mir und sagte: Diesen Moment wirst du so schnell nicht vergessen! Und sie hatte recht. 🙂

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