Bratislava – Slowakei

Was ist denn dort? Es gibt auf meiner europäischen Landkarte immer noch viele weiße Flecken. Ein Grund, sich derer mal anzunehmen. Gesagt, getan. Bis nach Bratislava ist es immerhin ein Katzensprung. Die Slowakei ist vom Massentourismus verschont geblieben. Dafür ist alles ursprünglicher, gemütlicher und freundlicher als in manch einem überfüllten Ort an der Adria. Und die Attraktionen des Landes können sich sehen lassen!

Angekommen in Bratislava nach ca. sechs Stunden Fahrt, merkten wir gar nicht, dass wir da waren. “Endstation” wies der freundliche Schaffner hin. Wir stiegen aus und dachten tatsächlich, dass wir an einem Provinzbahnhof sind. Na gut, die Stadt ist klein, also hinein. Der Weg war schnell gefunden und eine Unterkunft auch. Im Hostel gab es einen Schlafsaal, in dem noch ein Pärchen mit uns im Zimmer war. Beide radelten doch tatsächlich vom Schwarzen Meer bis nach Bayreuth. Die Nacht war kurz. Trotzdem standen wir gleich am nächsten Morgen auf der Matte, trieben ein Frühstück auf und standen vormittags zu einer kostenlosen Führung auf dem Hviezdoslavovo-Platz der Stadt. Unser Guide Andrea war einfach klasse. Sie erzählte uns mit Witz viele Wahrheiten über die Stadt, die man normalerweise nicht erfährt. Zum Beispiel, dass die Statue auf dem Hlavne Platz mit der sich die Touristen gerne fotografieren, nicht Napoleon ist, sondern einer seiner Soldaten, oder dass es einen Osterbrauch gibt, bei dem Frauen mit eiskaltem Wasser übergossen und mit Stöcken geschlagen werden. Angeblich sei dies schönheitsfördernd. Aha. Das erzähle einer mal den Feministinnen in Deutschland. Außerdem gingen die Besuche von Backpackern um 75 % nach oben, als der Horrorfilm Hostel erschien. Dieser wurde allerdings gar nicht in der Slowakei, sondern in Tschechien gedreht.

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In der Altstadt von Bratislava.

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In der Altstadt von Bratislava.

Die Stadt wimmelt von Statuen, mit denen man sich fotografieren kann. Ob der angebliche Napoleon (in Wahrheit nur einer seiner Soldaten), oder der angebliche reiche Mann mit den Rosen, der in Wirklichkeit ein Obdachloser war, es gibt genug Gelegenheiten. Begeistert dürften hier bestimmt chinesische und japanische Touristen sein. 😉 Der Klassiker ist allerdings immer noch der Mann, der aus dem Gulli herausschaut.

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Auch wenn viele Touristen es denken: Das ist nicht Napoleon, sondern nur einer seiner Soldaten.

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Der Mann aus dem Gulli ist die wohl beliebteste Statue zum fotografieren.

Ein Schild darf hier natürlich nicht fehlen.

Ein Schild darf hier natürlich nicht fehlen.

Das Michaelstor, durch das wir schritten, muss man als Student in Ruhe durchlaufen und dann bis hinter das zweite Tor laufen. Das bringt angeblich Glück für die Abschlussprüfungen. Naja, mal sehen. 🙂 Nächster Halt war der Präsidentenpalast und die blaue Kirche, die in der Tat sehr blau ist. Innen wie außen wurde Wert auf diese Farbe gelegt und außen ist die Kirche mit zahlreichen Fließen verziert, die sich bei uns zulande eher im Schwimmbad finden lassen. Unser Guide bekam für lokale Verhältnisse ein sagen wir mal sehr hohes Trinkgeld von der Gruppe für die wirklich gute Tour.

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Überall blau: Die blaue Kirche hat sich ihren Namen redlich verdient.

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Urbexer dürften sich freuen. In der Slowakei gibt es viele verlassene Überbleibsel aus der Sowjetunion.

Als nächstes ging es auf die Burg und was sehr praktisch war: Ausgerechnet heute war das Foodfestival und natürlich probierten wir an einigen Ständen Gratisproben zur Stärkung für den weiteren Fußweg heute.
Wir liefen noch einmal zum Michaelstor und gingen die Stufen nach oben. Von hier hat man einen hervorragenden Blick über die Altstadt. Die Bausünden der Sowjetunion kann man allerdings auch sehen. Um die Stadt zu vergrößern, wurde eine riesige Plattenbausiedlung gebaut, die unübersehbar ist, wenn man ins Innere der Stadt will. Auf der anderen Seite ist auch diese Architektur der Gigantonomie etwas fürs Auge und für die Kamera. Gut sichtbar ist auch die Brücke des Slowakischen Nationalaufstands, die ein Restaurant in 80 Meter Höhe bietet, welches aussieht wie ein Ufo. Bei einer Volksbefragung gewann angeblich der Name “Chuck-Norris-Brücke”, welcher von einem Spaßvogel vorgeschlagen wurde. Die Politiker setzten sich darüber hinweg. Auf die Frage nach dem warum, bewies die Politik Humor. Über Chuck Norris könne man nicht drübergehen, hieß es.
Hier trafen wir uns mit Barbora, einer Freundin von mir, die hier in Bratislava lebt. Wir gingen noch mal zurück zum Foodfestival zum Essen 😉 und sie führte uns dann in eine Gegend, die die Touristen sonst nicht zu sehen bekommen. Es ist das Reichenviertel von Bratislava. Eine Villa nach der anderen reiht sich hier mit teilweise spektakulärem Blick über Bratislava. Es scheint einen regelrechten Wettbewerb zu geben, wer den besseren Ausblick und die breiteste Panoramascheibe hat. Auch dieses Land hat natürlich eine Oberschicht. Ein Land, dessen Durchschnittseinkommen gerade mal bei rund 670 Euro pro Monat liegt. Durchschnittlich! Hinter dem Reichenviertel liegt das Slavín War Memorial. Hier wird den gefallenen Sowjetsoldaten gedacht und man hat einen herrlichen Blick über die Stadt. Es ist ein beliebter Treffpunkt für junge Leute, die an warmen Sommermonaten einfach nur ein bisschen rumsitzen wollen. Nach einem kurzen Aufenthalt am Donauufer verabschiedeten wir uns von Barbora und fielen im Hostel geradezu ins Bett.

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Blick über die Stadt vom Michaelstor. Im Hintergrund: Die sogenannte “Chuck-Norris-Brücke”.

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Schöner Ausblick beim Foodfestival auf der Burg in Bratislava.

Aber das reichte uns noch nicht. Wir wollten mehr von diesem Land sehen. Daher nahmen wir uns einen Mietwagen und fuhren bis nach Banská Štiavnica. Dieses wunderschöne Bergbaudorf ist ein Schmuckstück, was von der UNESCO mit der Aufnahme in das Welterbe honoriert wurde. Die alten Häuser sind liebevoll renoviert und in der Stadt bekommt man einen guten Einblick in die Bergbaukultur. Besonders lohnenswert ist der touristisch kaum erschlossene Kalvarienberg. Es ist eine wunderschöne Anlage, die einen Blick über Banská Štiavnica bietet. Kleine zerfallene Kapellen stehen hier einzeln am Hang. Man geht die Geschichte Jesu nach. Die Anlage wird gerade von Freiwilligen in mühevoller Feinarbeit restauriert. Eine ungewöhnliche Überraschung hatten wir neben der Touristeninformation. Wir standen offensichtlich im Parkverbot. Die Polizei in der Slowakei klemmt aber nicht irgendwelche Zettel an den Scheibenwischer, sondern es wird gleich eine Wegfahrsperre angebracht. Ein Einheimischer half uns dann mit der Verhandlung mit der Polizei. Für 10 Euro war das Ding wieder weg. Was zahlt man nicht gerne für eine solche Erfahrung und ein Foto?  Der Tag endete in der Nähe von Liptovský, wo wir eine schöne Pension fanden. Natürlich probierten wir in der Stadt in einem Restaurant die köstlichen slowakischen Spezialitäten. Auf der Rückfahrt verfuhren wir uns und landeten durch reinen Zufall in einer der Roma Siedlungen. Die Roma fristen hierzulande ein Nischendasein mit hoher Arbeitslosigkeit und einer hohen Zahl an Sozialhilfeempfänger. In der Regel wohnen sie auch in extra Siedlungen an den Stadträndern.

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Banská Štiavnica mit vielen wunderschönen Häusern aus der Bergbauzeit.

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Hierzulande wird sofort kassiert: Einfach eine Wegfahrsperre ans Auto. Sehr effizient. Dieses Foto kostete 10 Euro. 😉

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Der touristisch kaum erschlossene Kalvarienberg ist sehr sehenswert. Im Moment werden die Anlage mühevoll restauriert.

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Aussichtsturm?

Unser letzter Tag sollte gleichzeitig der längste werden. Und der nasseste. Es schüttete geradezu herunter. Für unser Programm machte das fast keinen Unterschied. Lediglich auf Štrbské Pleso mussten wir verzichten. Die Eishöhle war aber zunächst das erste Ziel. Die Höhle ist beeindruckend und schön. Es ist tatsächlich so kalt, dass sich hier trotz des Sommers Eis halten kann. Danach steuerten wir den kleinen Ort Sväty Kríž mit seiner Artikularkirche an. Die damalige Obrigkeit duldete Evangelismus nicht und ordnete an, dass deren Kirchen nur außerhalb der Stadt gebaut werden dürfen und das nur aus Holz, ohne Turm und Glocke. Sogar die Nägel mussten aus Holz sein. Kein Problem, dachten sich die Leute und bauten wunderschöne in Teilen noch erhaltene Holzkirchen. Sie sind sehr eindrucksvoll und schön verziert. Die Kirche ist ein Highlight. Aber aufgrund der holprigen Anfahrt konnten wir uns nicht vorstellen, dass hier der große Tourismus stattfindet. Eben ein Juwel mitten im Nichts.

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Die Eishöhle.

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Die Touren in der Höhle sind geführt und sehr eindrucksvoll.

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Diese Kirche wurde fast komplett aus Holz gebaut und ist eine der wenigen noch erhaltenen Artikularkirchen.

Danach wollten wir nach Kežmarok . Die Stadt ist ebenfalls sehr beschaulich. Wegen des Regens liefen wir nicht viel herum. Aber zwei Attraktionen konnten sich hier sehen lassen. Es war zum einen die Artikularkirche, sowie die benachbarte Evangelische Kirche. Erstere war von innen interessanter und die zweite von außen. Ein Erlebnis hatten wir hier auch noch. In dieser Stadt gibt es Eis für 40 Cent! Das mussten wir ausnutzen und schlugen zu. Nun war es an der Zeit für die Rückfahrt, die tatsächlich nur wenige Stunden in Anspruch nahm, obwohl wir durch die Hälfte des Landes gefahren sind. In Bratislava war es schon dunkel und wir wollten noch auf die andere Seite der Donau fahren – natürlich über die “Chuck-Norris-Brücke”. Nun schnell noch den Mietwagen zurückgeben, mit dem Nachtbus ins Hostel in der Nähe des Bahnhofs und dann nichts wie ins Bett. Denn schon morgens um 5:43 Uhr fuhr der Zug. Wir hatten einen wirklich schönen, aber kurzen Einblick in die Slowakei und haben viele Facetten gesehen. Das Land bietet unglaublich viel auf so engem Raum und hat viel weniger Tourismus, als es verdient hat. Es fristet viel mehr ein Nischendasein auf der Europäischen Landkarte. Also auf in die vom Tourismus unberührte Slowakei!

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So sieht es in einer Artikularkirche aus. Alles ist wunderschön verziert.

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Ein echtes Juwel. Selbst “Nägel” sind hier aus Holz.

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Die Burg von Bratislava von der anderen Seite der Donau. Ein schöner Anblick und ein idealer Abschluss unserer Reise.

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